Dass ein Symposium über das Unbewusste Sigmund Freud erwähnt, dürfte nicht verwundern. Wie Helmut Fink im Vorwort vermerkt, müsse, wer die Psyche erstehen wolle, nicht bei der Psychoanalyse stehen bleiben. Es schade aber andererseits nicht, einen Einblick in diese historisch bedeutsame Denkschule zu nehmen. Für skeptische Gemüter dürfte der Beitrag „Geheimnisse des Geistes“ der Psychoanalytikerin Tamara Fischmann dennoch vielleicht etwas irritierend sein. Der Artikel spannt einen Bogen von Freuds (nach Ansicht von Kritikern eher literarisch zu verstehenden Traumdeutungen und der Psychoanalyse, siehe hierzu auch diverse Skeptiker-Beiträge) zur modernen Neurowissenschaft.
Beispielhaft werden auch ein Traum Freuds und seine eigene Interpretation beschrieben – all das scheint Kritikern darin rechtzugeben, dass Freud eher ein begabter Schriftsteller gewesen sei. Nach einer ausführlichen Beschreibung des Traumes in der Psychoanalyse und der Sicht der Neurowissenschaften auf das Unbewusste heute ist Fischmann dennoch überzeugt, dass „der Traum als Königsweg zum Unbewussten betrachtet werden“ könne.
Die Ausgewogenheit der Beiträge zeigt sich auf den darauffolgenden Seiten, wo der Kognitionspsychologe Ulrich Ansorge verbreitete Befürchtungen „über ein unkontrollierbares oder gar irrationales Unbewusstes“ zerstreut. Gleich zu Anfang seines Textes fragt er, ob es das Unbewusste überhaupt gibt. Im Licht der modernen Forschung erscheine der unbewusste Teil des Geistes „absichtsabhängig und zweckgebunden“. So bleibe weder viel Raum für unsere Befürchtungen noch für unsere Hoffnungen auf schlummernde Potenziale. Nach neueren Forschungsergebnissen sei es eher so, dass bewusste Handlungen wie Gehen, Sprechen oder Lesen mit nicht bewussten Verarbeitungsschritten kombiniert würden, um das Bewusstsein von weniger relevanten Inhalten zu entlasten.
Ansorge warnt zudem vor überzogenen Behauptungen, wie sehr Menschen durch unbewusste Verarbeitung von Werbung beeinflusst werden könnten. Hier fehle es an Nachweisen, nicht alles solle hier für bare Münze genommen werden. So würden Kaufentscheidungen offenbar eher von der Bekanntheit von Marken beeinflusst.
Der Philosoph Michael Pauen stellt im nächsten Beitrag die These infrage, dass viele motorische Fähigkeiten und das Empfinden von Schmerzen sowie die Schmerzvermeidung rein unbewusst gesteuert würden. Schließlich seien etwa motorische Fähigkeiten nur dann für einen Organismus nützlich, wenn sie gezielt steuerbar seien. Bewusste Bewegungen etwa würden uns helfen, den vertrauten Arbeitsweg zu ändern, wenn eine Baustelle dies notwendig mache.
Der abschließende Beitrag der Philosophin Katja Crone erörtert, wie Menschen ihre Identität bilden, etwa durch Selbsterzählungen und Reflexionen von Erlebtem, aber auch durch nicht überprüfbare Fakten und Korrektur der eigenen Lebensgeschichten. Crone weist darauf hin, dass wir unsere Biografie nicht nur aus bewusst Erlebtem schneidern, sondern dabei auch auf Informationen aus unserem Leben zurückgreifen, an die wir uns nicht selbst erinnern, etwa unsere Geburt.
Mit „Im Keller des Geistes“ ist den Kortizes-Machern wieder ein gut lesbares Sachbuch gelungen. Es zeigt, dass es auch über hundert Jahre nach Freud keine eindeutige Definition des Unbewussten zu geben scheint, wohl aber viele neue Erkenntnisse darüber, welche unserer Handlungen von bewussten oder unbewussten Entscheidungen – oder gar einem Zusammenspiel beider – gesteuert werden.