Eine Realität, zwei Geschlechter – und viele endlose Debatten …
Ein Gespräch mit Colin Wright
Ein Gespräch mit Colin Wright
Im November 2025 veröffentlichte Colin Wright “Why There Are Exactly Two Sexes” im Fachjournal Archives of Sexual Behavior (Bd. 54, S. 3941–3945), einen Kommentar, der zu einem Prüfstein in Debatten über das biologische Geschlecht wurde. Das peer-reviewte Papier behandelt systematisch die verschiedenen theoretischen Modelle, die vorgeschlagen wurden, um die Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen – von chromosomenbasierten Definitionen bis hin zu Modellen eines Geschlechterspektrums – und erläutert, warum in der Biologie Geschlecht anhand von Gameten, also Spermien und Eizellen, definiert wird.
Wir sprachen mit Wright über die Wissenschaft, die der Zweigeschlechtlichkeit zugrunde liegt, über berufliche Konsequenzen, die mit der öffentlichen Vertretung dieser Position verbunden sein können, und darüber, was Skeptiker aus unterschiedlichen Perspektiven innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft lernen können.
Q: Als Skeptiker befassen wir uns mit Pseudowissenschaft, aber auch mit übertriebenen oder offensichtlich falschen wissenschaftlichen Behauptungen. Welche Ergebnisse werden nach Ihrer Ansicht am häufigsten falsch dargestellt, sei es in der Wissenschaft oder in der Öffentlichkeit?
A: Die Binärität des biologischen Geschlechts – oft wird behauptet, sie existiere nicht.
Q: Sie kommen aus der Skeptikerbewegung und aus dem Neuen Atheismus. Was hat Sie zu diesem speziellen Thema gebracht?
A: Ich habe mich intensiv gegen Intelligent Design und Kreationismus engagiert. Diese Angriffe kamen meist von außerhalb der Wissenschaft – von Personen, die wissenschaftlich unhaltbare Behauptungen aus Kirchen oder populären Medien übernommen hatten. Ich gehörte der akademischen Welt an und positionierte mich gegen diese Fehlvorstellungen.
Beim Thema Geschlechterbiologie ist die Situation anders. Auch hier stammen viele problematische Annahmen ursprünglich von außerhalb der Wissenschaft, sie sind jedoch schnell in die akademische Welt eingesickert. Inzwischen haben sich entsprechende ideologische Positionen in verschiedenen Fachbereichen etabliert. Die Wortführer kommen heute häufig selbst aus dem Wissenschaftsbetrieb, ebenso wie ihre Kritiker. Zudem ist die Frage stark moralisch aufgeladen worden – es handelt sich längst nicht mehr ausschließlich um ein wissenschaftliches Thema.
Als ich begann, mich öffentlich zu diesem Thema zu äußern, erwartete ich vor allem eine wissenschaftliche Auseinandersetzung – etwa in der Form: “Hier ist der Beweis, deshalb liegst du falsch.” Stattdessen blieb eine solche fachliche Debatte völlig aus. Es hieß sofort: “Du bist ein schrecklicher, böser Mensch, der rechtsextreme, faschistische und weiß-nationalistische Argumente nachplappert.” Wissenschaftler und der akademische Betrieb gehören heute zu den lautesten Vertretern dieser Fehlvorstellungen. Das verleiht diesen Auffassungen in der Öffentlichkeit Autorität: Wenn sie von Fachjournalen und Wissenschaftlern kommen, halten Menschen sie für wissenschaftlich abgesichert.
Q: Was brachte Sie dazu, “Why There Are Exactly Two Sexes” für Archives of Sexual Behavior zu schreiben?
A: Ich schreibe seit etwa sieben Jahren über das Thema. 2023 veröffentlichte ich gemeinsam mit der Entwicklungsbiologin Emma Hilton ein begutachtetes Buchkapitel über das Thema Zweigeschlechtlichkeit. Aber der – teils berechtigte – Hauptkritikpunkt war, dass viele meiner Beiträge in populären Medien wie dem Wall Street Journal, Newsweek und Quillette erscheinen. Dabei handelt es sich nicht um peer-reviewte Zeitschriften, weshalb Aktivisten meine Argumente pauschal als unwissenschaftlich zurückwiesen.
Dabei wurde übersehen, dass Beiträge, die sich kritisch mit dem Modell eines Geschlechterspektrums auseinandersetzen, häufig auf Ablehnung stoßen. Fachzeitschriften betrachten solche Perspektiven oft als gesellschaftlich tabu und moralisch fragwürdig. Als Archives of Sexual Behavior einen Aufruf für Kommentare zu diesem Thema veröffentlichte, sah ich darin eine Gelegenheit, einen kurzen Beitrag zu verfassen und meine zentralen Argumente in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu veröffentlichen – in einer Form, auf die sich Wissenschaft und die Öffentlichkeit gleichermaßen beziehen können.
Bemerkenswert ist, dass es tatsächlich kaum Arbeiten gibt, die in einfachen Worten erklärten, was biologische Geschlechter sind – also was es bedeutet, männlich oder weiblich zu sein. In gewisser Weise verhält es sich wie mit der Schwerkraft: Wir beobachten sie ständig und nehmen sie als selbstverständlich hin. Ähnlich war es lange Zeit mit der Zweigeschlechtlichkeit. Nachdem Biologen verstanden hatten, welche Rolle Spermien und Eizellen spielen, galt das zugrunde liegende Prinzip als hinreichend geklärt. Entsprechend wurde es nur selten ausdrücklich formuliert. Diese Lücke wurde jedoch von Aktivisten genutzt. Ich habe mich daher entschieden, genau diese Frage direkt zu behandeln, weil sie im Zentrum vieler Kontroversen steht.
Q: Wie wird Geschlecht in der Biologie definiert und warum herrscht in der Biologie die Auffassung, dass es genau zwei davon gibt?
A: Um das zu verstehen, lohnt es sich zunächst zu betrachten, wie Menschen Geschlecht wahrgenommen haben, bevor wir überhaupt wussten, was Gameten, also Keimzellen, sind. Lange Zeit fehlten uns die technischen Werkzeuge, um diese Zellen zu beobachten. Dennoch war es nicht schwer zu erkennen, dass es beim Menschen zwei Geschlechter gibt. Wir sind sexuell dimorph – Männer und Frauen sehen unterschiedlich aus, haben eine unterschiedliche Reproduktionsanatomie, unterschiedliche Fortpflanzungsfunktionen. Frauen können schwanger werden und Kinder gebären; Männer können das nicht. Es gab also bereits ein funktionales Verständnis von Geschlecht, auch wenn die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen noch unbekannt waren.
Im 17. Jahrhundert entdeckte man mithilfe des Mikroskops Spermien, zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch Eizellen. Diese Entdeckungen führten zu einem tieferen Verständnis dessen, was wir als männlich und weiblich bezeichnen: Es handelt sich um zwei unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien. Ein Individuum produziert entweder viele kleine Geschlechtszellen – Spermien – oder größere Geschlechtszellen, die man Eizellen nennt. Dieses Muster findet sich nicht nur beim Menschen, sondern auch bei unzähligen Tieren und sogar bei Pflanzen.
Arten, die sich durch Verschmelzung einer großen und einer kleinen Gamete fortpflanzen, nennt man “anisogam”. Diese Strategien bezeichnen wir als “männlich” und “weiblich”. Männlich zu sein bedeutet demnach, ein Fortpflanzungssystem zu besitzen, dessen biologische Funktion darin besteht, viele kleine Gameten zu produzieren. Weibliche Organismen haben die biologische Funktion, weniger, größere Gameten zu produzieren. Weibliche Organismen verfügen über ein System, dessen Funktion die Produktion weniger, aber größerer Gameten ist.
Diese Definition bildet das grundlegende Konzept von „männlich“ und „weiblich“. Sie gilt für alle Spezies, die sich in nahezu allen anderen Eigenschaften stark unterscheiden können. Ob Schnecke, Fisch oder Spargelpflanze: Was ein Individuum in diesem biologischen Sinn männlich macht, ist die Fortpflanzungsstrategie der Produktion kleiner Gameten. Abgesehen davon können sich diese Organismen in Gestalt, Physiologie und hormonellen Systemen erheblich unterscheiden.
Es gibt nur zwei Geschlechter, weil es nur zwei Arten von Gameten gibt. Es existieren keine Mittelstufen. Daher können Individuen nur zwei Geschlechter haben.
Q: Ihr Artikel identifiziert fünf Hauptmodelle, die gegen die Geschlechterbinarität angeführt werden. Können Sie diese kurz skizzieren?
A: Erstens werden Paarungstypen und Geschlechter häufig miteinander verwechselt. Bei einigen Pilzen und Schleimpilzen erfolgt die sexuelle Fortpflanzung durch Gameten gleicher Größe – solche Arten werden als „isogam“ bezeichnet. In diesen Fällen gibt es chemische Kompatibilitätstypen zwischen den Gameten, manchmal Tausende davon. Berichte über “den Schleimpilz mit 30.000 Geschlechtern” beruhen daher auf einem fundamentalen Missverständnis. Der Begriff Geschlecht bezieht sich nur auf männliche und weibliche Individuen, die durch unterschiedlich große Gameten definiert sind. Bei Arten mit gleich großen Gameten gibt es kein Männlich und Weiblich – dort gibt es Paarungstypen.
Zweitens gibt es das chromosomale oder Karyotyp-Modell. Häufig hört man die Aussage: “Mit den Chromosomen XX bist du weiblich, mit XY bist du männlich.” Dabei wird jedoch die Art und Weise, wie Geschlecht bei Menschen determiniert ist, mit der grundlegenden Definition von Geschlecht verwechselt. Viele Krokodile und Schildkröten besitzen beispielsweise überhaupt keine Geschlechtschromosomen – ihr Geschlecht wird durch die Inkubationstemperatur der Eier bestimmt. Auch Menschen mit Klinefelter-Syndrom (XXY) stellen kein “drittes Geschlecht” dar; sie sind biologisch männlich. Bei solchen Fällen handelt es sich um chromosomale Variationen innerhalb der beiden Geschlechter.
Drittens gibt es das Modell des Geschlechterspektrums. Danach wird Geschlecht als Kontinuum verstanden, das sich anhand der Genitalmorphologie beschreiben lasse. Einige Vertreter dieser Position argumentieren sogar, dass Männer und Frauen in der Realität nicht als klar abgegrenzte Kategorien existieren, sondern lediglich als statistische Extreme eines Kontinuums – man könne also in unterschiedlichem Maße, aber nicht eindeutig männlich oder weiblich sein. Dieses Modell ignoriert jedoch die Rolle der Gameten. Zudem führt es zu einem Zirkelschluss: Wie lässt sich bestimmen, welche Ausprägung der Genitalien “männlich” ist, wenn der Begriff “männlich” nicht bereits anhand der Gameten definiert wurde?
Viertens gibt es das polythetische Kategorienmodell. Dabei handelt es sich um eine Art Familienähnlichkeitskonzept, bei dem Mitglieder einer Kategorie überlappende Merkmale teilen, ohne dass sie notwendigerweise alle ein und dasselbe Merkmal aufweisen müssen. Manche Autoren versuchen, dieses Modell auf Geschlecht anzuwenden, indem sie es als Kombination verschiedener Eigenschaften verstehen – etwa Chromosomen, Hormone, Körpergröße, Stimmhöhe und andere geschlechtsbezogene Merkmale. Doch wie lässt sich bestimmen, welche Chromosomen oder Hormonprofile “männlich” bedeutet, ohne bereits vorauszusetzen, was “männlich” ist, und dabei letztlich auf die Gameten zurückzugreifen?
Das fünfte – und einflussreichste – Modell ist das Multi-Level-Modell. Danach sollte man nicht mehr davon sprechen, dass ein Körper ein bestimmtes Geschlecht hat. Stattdessen solle man sagen, jemand sei “genetisch männlich” oder “hormonell weiblich” oder hat eine “männliche Körpergröße”. Doch wie lässt sich bestimmen, welche Chromosomen männlich sind, ohne bereits vorauszusetzen, dass es männliche und weibliche Chromosomen gibt, die zwangsläufig in den Gameten verwurzelt sind?
Q: Gibt es eigentlich Kontroversen zwischen den Befürwortern dieser unterschiedlichen Modelle?
A: Das ist eine gute Frage, die ich mir selbst schon oft gestellt habe. Zwischen diesen Positionen herrscht eine seltsame Stille oder sogar eine Art Waffenstillstand. So beobachtet man kaum Auseinandersetzungen zwischen Vertretern des Geschlechterspektrums und Anhängern des Karyotyp-Modells oder der Paarungstypen-Interpretation darüber, welches Verständnis von Geschlecht letztlich zutrifft. Stattdessen positionieren sich die Vertreter dieser unterschiedlichen Ansätze gemeinsam gegen das binäre Modell.
Noch rätselhafter ist, dass sich keine klar voneinander abgegrenzten Lager erkennen lassen: Dieselben Personen vertreten mitunter mehrere dieser Positionen gleichzeitig, obwohl sich viele davon gegenseitig ausschließen. Zudem wird opportun zwischen den verschiedenen Modellen gewechselt – je nachdem, was gerade verfängt. Am Ende heißt es dann: ‘”Siehst du, Geschlecht ist nicht binär.”
Dies beruht auf einem queer-theoretischen Ansatz, in dem binäre Kategorien grundsätzlich als Ausdruck sozialer Konstruktion und Unterdrückung betrachtet werden. Aus dieser Perspektive ist letztlich unerheblich, wie viele Geschlechter es gibt – solange es nur nicht zwei sind. Drei sind in Ordnung, zehn sind in Ordnung, auch ein unendliches Spektrum ist in Ordnung – aber zwei können es nicht sein, denn zwei wäre bigott. So funktioniert dieser Ansatz tatsächlich.
Q: Gibt es unter Biologen eine tatsächliche Kontroverse über die Definition von Geschlecht?
A: Betrachtet man die Forscher, die sich mit der Evolution des biologischen Geschlechts und der sexuellen Fortpflanzung beschäftigen, herrscht ein überwältigender Konsens. Sie arbeiten weitgehend unabhängig von kulturellen Debatten und untersuchen mit Hilfe von Computermodellen, wie Selektion zur Herausbildung zweier unterschiedlicher Gametentypen führt. Dies ist einer der robustesten Bereiche der Evolutionsbiologie.
Hier zeigen sich Parallelen zum Kreationismus. Kreationisten behaupten häufig, die Evolution sei „stark umstritten“, weil eine solche Darstellung in ihrem Interesse liegt. Ähnlich wird auch beim Thema biologisches Geschlecht von Aktivisten in Blogs und Online-Debatten der Eindruck erweckt, es gäbe eine grundlegende Kontroverse. Diese Kontroverse wurde jedoch weitgehend konstruiert, obwohl sie sachlich kaum begründet ist und nur einen begrenzten Bezug zur einschlägigen Forschung aufweist.
Keine empirischen Befunde haben das grundlegende biologische Rahmenkonzept widerlegt, wie es seit Langem beschrieben wird. Für die Entdeckung eines angeblichen Geschlechtsspektrums wurden keine Nobelpreise vergeben. Auch das wurde einfach herbeigeschrien.
Q: Warum melden sich nicht mehr Wissenschaftler zu Wort?
A: Einige prominente Biologinnen und Biologen äußern sich durchaus zu diesem Thema. Richard Dawkins hat zwar keine eigene wissenschaftliche Arbeit dazu veröffentlicht, aber ausdrücklich über das biologische Geschlecht geschrieben und argumentiert, warum die Definition über die Gameten die universell und die einzig kohärente ist. Er ist einer der führenden Biologen unserer Zeit und stimmt mir vollkommen zu. Auch Jerry Coyne, einer der besten Evolutionsbiologen der Welt, hat meine Beiträge geteilt und meine Position unterstützt. Das liegt nahe, weil ich keine extreme Auffassung vertrete, sondern auf grundlegende biologische Zusammenhänge verweise.“
Vermutlich ließen sich mehr Wissenschaftler dafür gewinnen, sich öffentlich zu diesem Thema zu äußern, wenn diejenigen, die dies bereits tun – wie ich – nicht als White Supremacists oder transphob diffamiert würden.
Sich fortwährend gegen solche Vorwürfe verteidigen zu müssen, ist für die berufliche Laufbahn belastend. Deshalb ist es besonders für Wissenschaftler ohne dauerhafte Anstellung kaum möglich, sich in dieser Frage öffentlich zu positionieren.
In meinem Fall hat die öffentliche Beschäftigung mit diesem Thema meiner akademischen Laufbahn erheblich geschadet. Nicht jeder hat die Möglichkeit, sich als öffentlicher Kommentator mit einem eigenen Substack ein Einkommen zu erzielen. Ich hatte das Glück, mich früh mit dem Thema zu befassen, zu einem Zeitpunkt, als noch wenig darüber gesprochen wurde. Viele können es sich jedoch schlicht nicht leisten, sich in dieser Frage öffentlich zu positionieren, weil dies negative Auswirkungen auf ihre Karriere hätte.
Q: Welche Belege würden Sie dazu veranlassen, Ihre Auffassung zu ändern, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt?
A: Das ist eine entscheidende Frage. In der skeptischen Community braucht man Argumente, um andere davon zu überzeugen, dass jemand falschliegt. Andernfalls ist man lediglich ein Eiferer ohne wissenschaftliche Grundlage.
Für mich ist die Sache klar: Wir definieren das biologische Geschlecht anhand der Art der Gamete, die ein Individuum produzieren kann. Um meine Ansicht zu ändern, müsste ein dritter, neuartiger Gametentyp nachgewiesen werden – zwischen Spermien und Eizellen oder zusätzlich zu ihnen–, der von einem Fortpflanzungssystem produziert wird. Nur ein solcher Nachweis könnte zeigen, dass mehr als zwei biologische Geschlechter existieren. Das ist das Einzige, was mich zu der Annahme bringen könnte, dass mehr als zwei Geschlechter existieren.
Q: Ihr Artikel in Archives of Sexual Behavior wurde von anderen Kommentatoren kritisiert (Mahr, 2026). Ein zentraler Kritikpunkt lautet, dass Ihre Behauptung, es gebe nur zwei Geschlechter, keine empirische Schlussfolgerung sei, sondern eine A-priori-Annahme.
A: Meine Aussage, dass es nur zwei Geschlechter gibt, ist keine A-priori-Annahme. Sie basiert auf einer A-posteriori-Analyse der beobachtbaren Fakten: An der sexuellen Fortpflanzung anisogamer Arten sind nur zwei Gametentypen beteiligt – kleine Gameten (Spermien) und große Gameten (Eizellen). In meinem Artikel habe ich die Kontroverse bewusst so dargestellt: Die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ für Organismen, die jeweils kleine oder große Gameten produzieren, sind menschliche Konventionen. Die zugrunde liegenden biologischen Phänomene sind jedoch wiederkehrende Naturvorgänge, die unabhängig von unserer Bezeichnung existieren. Wir haben sie nicht erfunden, und wir können sie nicht ändern.
Ich gehe also nicht von zwei Geschlechtern aus und definiere diese anschließend über die Gameten. Die Reihenfolge ist umgekehrt: Wir beobachten über verschiedene anisogame Taxa hinweg eine stabile Aufteilung der Fortpflanzung in Spermienproduzenten und Eiproduzenten und nutzen diese Trennung, um die beiden Fortpflanzungsklassen auf eine Weise zu definieren, die taxonomisch kohärent ist und zugleich hohe Erklärungskraft besitzt.
Q: Eine weitere zentrale Kritik lautet, dass Ihre Definition auf Grundlage der Gameten weder objektiv noch universell sei und dass Sie damit eine “Illusion des Blicks von Nirgendwo” erzeugen. Wie antworten Sie darauf?
A: Ich räume ein, dass Wissenschaft eine menschliche Tätigkeit mit langer Geschichte ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Biologie nicht Merkmale der Welt beschreiben kann, die unabhängig von unserer Wahrnehmung existieren. Im Artikel verwende ich dazu eine Analogie: Menschen entdecken Fakten, etwa die molekulare Struktur des Wassers oder den heliozentrischen Aufbau des Sonnensystems, und repräsentieren sie anschließend durch Sprache und Modelle. Die Wahrheit dieser Fakten hängt jedoch nicht von der Kultur oder der sozialen Position einzelner Wissenschaftler ab.
Wenn uns beispielsweise eine technologisch hoch entwickelte außerirdische Gesellschaft aus einer anderen Galaxie besuchen würde, hätte deren Kultur und Biologie vermutlich nichts mit unserer zu tun. Dennoch könnten sie zu denselben grundlegenden Beobachtungen gelangen: dass die Sonne im Zentrum unseres Sonnensystems steht, dass Wasser aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht und dass sich bestimmte Arten durch die Verschmelzung zweier unterschiedlichen Gametentypen fortpflanzen.
Die Klassifikation auf Grundlage der Gameten ist objektiv, weil sie eine reale funktionale Unterscheidung in der Natur abbildet – nämlich die Fortpflanzungsrolle eines Organismus im Hinblick auf die Produktion von Spermien oder Eizellen. Genau diese funktionale Unterscheidung macht die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ über verschiedene Taxa hinweg vergleichbar, anstatt sie in willkürliche Merkmalsbündel zerfallen zu lassen, die von Art zu Art variieren. Es gibt keine andere kohärente Grundlage für die Definition der Geschlechter.
Q: Eine weitere Kritik lautet, dass das binäre Geschlechtermodell das Risiko bergen könne, die gelebten Erfahrungen von intersexuellen und geschlechterdiversen Menschen zu entwerten. Wie reagieren Sie auf diese Sorge, und wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen biologischer Klassifikation und Präferenzen beziehungsweise Empfehlungen für bestimmte Maßnahmen?
A: Zunächst ist es hilfreich, Fragen zu trennen, die oft miteinander vermischt werden. Eine Frage ist beschreibend: Was ist „Geschlecht“ als biologische Klassifikation bei anisogamen Spezies? Eine andere Frage ist normativ: Welche Rechte, Nachteilsausgleiche oder sozialen Praktiken sollten wir in Betracht ziehen, wenn Interessenkonflikte, Fairness oder Mitgefühl eine Rolle spielen? In meinem Artikel mache ich deutlich, dass dies zwei unterschiedliche Bereiche sind. Politische Präferenzen sollten niemals herangezogen werden, um über Biologie zu bestimmen. Andererseits kann und sollte die Biologie – sofern es sinnvoll und angemessen ist – informierend in Debatten über Maßnahmen und Regelungen einfließen.
Q: Die Kritik bezieht sich auch auf die Behauptung, dass etwa 2 Prozent aller Menschen intersexuell seien. Wie bewerten Sie diese Zahl, und inwiefern ist sie relevant für die Behauptung, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt?
A: Die Angabe von rund 2 Prozent halte ich für irreführend, da sie auf einer sehr weiten Definition von Intersexualität beruht. Diese Definition umfasst viele Variationen, die aus klinischer Sicht nicht geschlechtsspezifisch relevant sind – also jede Abweichung von einem idealisierten Dimorphismus auf der Ebene von Chromosomen, Genitalien, Gonaden oder Hormonen. Dieser definitionsbedingte Schritt treibt die Zahl künstlich nach oben.
Im Artikel verweise ich auf die Replik von Leonard Sax: Wenn Intersexualität klinisch bedeutsam bleiben soll, sollte der Begriff auf Fälle beschränkt werden, in denen das chromosomale Geschlecht nicht mit dem phänotypischen Geschlecht übereinstimmt oder der Phänotyp als sexuell ambivalent erscheint. Unter dieser engen Definition liegt die Schätzung bei etwa 0,018 Prozent statt bei rund 2 Prozent.
Aber – und das ist entscheidend – unabhängig davon, welche Schätzung man bevorzugt oder für genauer hält, ist dies für die Frage nach der Anzahl biologischer Geschlechter weitgehend unerheblich. Seltene Entwicklungsabweichungen führen nicht zu zusätzlichen Geschlechtern, da sie keine neuen Fortpflanzungsklassen hervorbringen, deren Funktion darin bestünde, neue Gametentypen jenseits von Spermien und Eizellen zu produzieren. Solche Fälle stellen allenfalls eine atypische oder uneindeutige Entwicklung innerhalb einer der beiden bestehenden Fortpflanzungsklassen dar.
Q: Wie gehen Sie mit Menschen um, die für sachliche Argumente zu diesem Thema scheinbar unzugänglich sind?
A: Nur sehr wenige Menschen lassen sich tatsächlich durch Argumente überzeugen. Aber ich habe einige getroffen, die bereit waren, ihre Position zu überdenken: Sie hatten zuvor der aktivistischen Rhetorik geglaubt, waren aber selbst nicht ideologisch. Nach entsprechenden Erklärungen sagten sie beispielsweise: „Ich verstehe, was du meinst. In Zukunft werde ich anders darüber sprechen.“ Das ist großartig.
Die meisten Menschen ändern ihre Meinung jedoch nicht, weil das Thema stark politisiert ist. Deshalb konzentriere ich mich nicht darauf, Überzeugungen zu erzwingen. Stattdessen folge ich einem wissenschaftlich legitimierten Ansatz: bei den Fakten bleiben, Argumente klar darlegen, niemanden beleidigen und auf Ad-hominem-Angriffe verzichten. Ich versuche, die ruhigste Person im Raum zu sein und die Fakten sachlich, aber höflich zu präsentieren. Wenn man dies konsequent tut und trotzdem auf Aggression oder Beleidigungen stößt, entsteht oft eine interessante Dynamik: Außenstehende erkennen, wer ruhig, sachlich und intelligent argumentiert und wer ideologisch motiviert handelt. Ich halte diese Gegenüberstellung für sehr wertvoll.
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