Trump und das Woke-Phänomen
Same same but different …
Nikil Mukerji
Same same but different …
Nikil Mukerji
Das Wort „woke“ hat viele Bedeutungen. Ursprünglich bezeichnete es Sensibilität gegenüber Diskriminierung. Gegen „Wokeness“ in diesem Sinne ist nichts einzuwenden. Häufig vermischt sich damit jedoch ein bestimmter Politik und Debattenstil: Sprache wird reglementiert, Haltungsbekundungen werden verlangt, Andersdenkende werden nicht argumentativ gestellt, sondern moralisch abgewertet. Die Strategie liegt darin, den Diskurs so stark zu verengen, dass die kritische Prüfung von Argumenten nicht mehr stattfindet und ein wechselseitiges, kooperatives „Emporirren“ (Vollmer 1995) de facto unmöglich wird.
Wie dies konkret aussieht, haben uns die progressiven Milieus in den vergangenen Jahren vorgemacht. Bestimmte Wörter wurden als so verletzend oder „problematisch“ gebrandmarkt, dass Personen, die sie verwenden, als Debattenteilnehmer ausgeschlossen werden. Über die Zulässigkeit eines Gedankens entschied maßgeblich die Wortwahl. Wer z. B. von „Indianern“ sprach, sorgte bereits für Aufregung – unabhängig vom Inhalt der jeweiligen Aussage.
Die Beispiele sind zahlreich: Im Humboldt Forum sollte das Wort „Oberindianer“ bei einer Aufführung des Songs „Sonderzug nach Pankow“ von Udo Lindenberg gestrichen werden. Der Ravensburger Verlag zog nach Kritik woker Aktivisten das Begleitbuch zum Winnetou-Film zurück. Und auch andere Begriffe, die die meisten Menschen für harmlos halten, gelten nicht mehr als satisfaktionsfähig. Knorr benannte deswegen seine „Zigeunersauce“ kurzerhand um. Sie firmiert nun als „Paprikasauce Ungarische Art“.
Aus skeptischer Sicht sind bereits diese Fälle bedenklich: Schon hier wird das Denken auf der Ebene einzelner Wörter reguliert und ist nicht mehr frei. Noch weiter geht der Eingriff jedoch, wenn Hochschulen Diversity Statements verlangen – kurze Texte, in denen Bewerber für Stellen und Fördermittel ihre Haltung zu Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Teilhabe darlegen sollen. Solche ideologischen Bekenntnisse werden teils auch dann gefordert, wenn das Forschungsthema keinerlei sachlichen Bezug hat. Wer in der Physik schwarze Löcher erforscht, könnte plötzlich erklären müssen, welchen Beitrag seine Forschung zur Geschlechtergerechtigkeit leisten will. Das dient erkennbar nicht der Qualität der Forschung, sondern importiert sachfremde Ziele in den Wissenschaftsbetrieb – indem Personal „auf Linie“ gebracht oder von vornherein danach ausgewählt wird, ob es die „richtigen“ Signale sendet.
Hinzu kommt Cancel Culture. Damit ist eine Praxis gemeint, in der Andersdenkende und Kritiker orthodoxer Sichtweisen nicht mit Argumenten konfrontiert, sondern zum Schweigen gebracht werden. Das Ziel ist, die Kosten abweichender Meinungen – nichtwoker und woke-kritischer Positionen – so zu erhöhen, dass sie unterbleiben. Wie André Sebastiani für die Skeptische Gesellschaft erläutert hat (Sebastiani 2023), ist das etwas grundlegend anderes als Kritik in der Sache. Wer mich kritisiert, nennt Argumente, auf die ich womöglich nicht gekommen bin, und kann mich zum Umdenken bewegen. Die Entscheidung bleibt jedoch bei mir. Wer mich „cancelt“, bietet keine Hilfe an, sondern greift meine Person an – und entzieht mir die Wahl. Es geht dann nicht mehr um den Austausch von Gründen, sondern um die Entfernung eines als missliebig empfundenen Debattenteilnehmers.
Das Problem dieser Methoden – Sprachpolizei, Bekenntnisforderungen und Cancel Culture – besteht nicht nur im unmittelbaren Schaden dort, wo Woke-Akteure sie einsetzen. Sie liefern eine Blaupause, die jedes politische Lager nutzen kann, sobald es die Macht dazu hat. Genau das sehen wir im Umfeld Donald Trumps: exakt die gleichen Verfahren, nur mit umgekehrtem ideologischen Vorzeichen. Das Pendel kehrt nicht zur Mitte zurück, es schlägt in eine anti-woke Richtung aus – und das ist aus denselben Gründen bedenklich.
Woke Begriffe, die als ideologisch kontaminiert gelten, sollen nach dem Wunsch der Trump Administration in US-Behörden nicht mehr verwendet werden (Yourish et al. 2025). Auf den Listen stehen sogar Alltagswörter wie „accessible“ und „inclusive“. Ganze Themenfelder werden aus dem Betrieb genommen: DEI-Forschung – also Untersuchungen zu Fragen der Diversität, Gleichheit und Inklusion – wird nicht kritisch geprüft, sondern pauschal gestrichen. Zugleich greifen Behörden und politische Akteure auf breiter Front zu Cancel-Methoden: Personen mit „woken“ Standpunkten bekommen wegen ihrer Ansichten Probleme, äußern sie nur noch unter Repressionsangst und werden öffentlich herabgesetzt – ohne eine inhaltliche Prüfung ihrer Argumente. Trump brachte das Programm selbst auf den Punkt: „Our country will be woke no longer!“
Aus skeptischer Sicht ist Trumps Vorgehen aus denselben Gründen zu kritisieren wie das der Woken. Der Diskursraum wird verengt; der Austausch von Standpunkten, Argumenten, Hypothesen und Evidenz wird unterbunden. Woke-Tabus und Dogmen werden lediglich durch solche ersetzt, die Trumps Lager bevorzugt. Das Ergebnis ist ein neuer Meinungsautoritarismus, der lediglich ideologisch anders grundiert ist.
Es ist sicherlich keine Übertreibung zu sagen, dass Trump und seine Cancel-Politik die USA in eine epistemische Krise gestürzt haben. Aus skeptischer Sicht lohnt jedoch der Blick auf mögliche Lerneffekte. Lee Jussim und Robert Maranto haben das im Chronicle of Higher Education prägnant beschrieben. Sie sprechen von „Fear Equity“ – der Gleichheit der Angst. Früher mussten vor allem liberal-konservative Stimmen mit Sanktionen rechnen. Doch inzwischen fürchten auch Akteure der akademischen Linken Ausladungen, Karriereknicke und soziale Ächtung. Viele berufen sich deshalb nun auf Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, die sie zuvor geringgeschätzt oder sogar aktiv bekämpft hatten. Wenn jeder erfährt, dass die eigene Sicht nur noch unter spürbaren sozialen Kosten geäußert werden kann, wächst das gemeinsame Interesse an fairen Regeln für alle.
Die aktuelle Cancel Culture, die vom Umfeld des US-amerikanischen Präsidenten ausgeht, konnte paradoxerweise etwas Nützliches bewirken: einen Grundkonsens, Freiheitsrechte prinzipiell und nicht nur für die eigene Seite zu verteidigen. Die von Trump forcierte Repression abweichender Meinungen könnte sogar eine notwendige Bedingung dafür sein. Denn vieles spricht für die pessimistische Diagnose, dass Menschen in Grundsatzfragen erst umdenken, wenn eine konkrete Bedrohung spürbar wird – und nicht bereits dann, wenn klare, zwingende Argumente für einen Sinneswandel vorliegen. John Stuart Mill hat schließlich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in On Liberty (1859) überzeugend begründet, warum ein robuster Schutz der Meinungsfreiheit eminent wichtig ist. Gleichwohl leistet Trump heute – gerade indem er die Meinungsfreiheit angreift – womöglich einen größeren praktischen Beitrag zu ihrer Absicherung als Mill. So wie Goethes Mephisto könnte er damit als „Teil von jener Kraft“ agieren, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Wobei man im Fall von Trump das Wort „stets“ sicherlich durch „manchmal“ ersetzen muss.
Als Skeptiker sollten wir die Zeichen der Zeit erkennen und uns konsequent gegen jede Form von Meinungsautoritarismus stellen – ob er von Woke Aktivisten, von Trump oder von neuen politischen Kräften ausgeht. Diesen Kurs hat die GWUP 2025 ausdrücklich bekräftigt: Die Mitgliederversammlung entschied mit großer Mehrheit, keine Vereinsmeinungen zu sachlichen, moralischen oder weltanschaulichen Fragen formulieren zu wollen. Damit ist klargestellt, dass in der GWUP niemand mit autoritären Mitteln zu Bekenntnissen gedrängt werden kann. Der einzige zulässige Druck ist der des besseren Arguments.
Praktisch heißt das: Jedes GWUP-Mitglied darf glauben, was es will, und dies auch äußern. Grenzen setzt nicht die Überzeugung anderer, sondern der rechtliche Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung, der nur wenige Meinungsäußerungen kategorisch verbietet. Daher können auch Positionen vorgebracht werden, die andere für falsch oder sogar irrational halten. Zugleich gilt: Kritik an geäußerten Standpunkten ist stets zulässig – und sie wird, sobald eine Debatte Sichtbarkeit gewinnt, in der Regel auch erfolgen.
So wird die GWUP zugleich „Safe Space“ und „Unsafe Space“: „safe“ für Personen, „unsafe“ für irrationale Positionen. Persönliche Anfeindungen und Mobbing – ob nach dem Muster des Wokismus oder des Trumpismus – sind untersagt. Zugleich gilt: Alles ist diskutier- und kritisierbar. Irrtümer und Unsinn treten so früher oder später zutage – und zwar auch in Bereichen, die neu und deutlich schwieriger zu beurteilen sind als Astrologie und Homöopathie. Die GWUP-Community koppelt sich dazu vom Zeitgeist ab, gleich ob er sich woke oder trumpistisch gibt. Und die Vernunft erhält eine reale Chance, sich durchzusetzen. Strahlt dieser Geist über den Verein hinaus, besteht die Hoffnung, dass so auch die kollektive Rationalität unserer Gesellschaft wieder zunimmt.

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