Zwei Arten, sich zu irren
Die Psychologie des Verschwörungsglaubens
Timur Sevincer und Nikil Mukerji im Interview mit Jan-Willem van ProoijenGWUP-Artikel in der Google-Suche bevorzugt anzeigen lassen.★ Jetzt aktivierenausblenden
Die Psychologie des Verschwörungsglaubens
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Foto von Mario Heller auf Unsplash
Sevincer: Als Skeptiker beschäftigen wir uns mit Pseudowissenschaft, aber auch mit übertriebenen, verzerrten oder schlicht falschen wissenschaftlichen Behauptungen. Welche Aussagen über Ihr Forschungsgebiet – die Psychologie der Verschwörungstheorien – werden besonders häufig falsch dargestellt?
van Prooijen: Zwei Dinge. Das erste ist die Vorstellung, der Glaube an Verschwörungstheorien sei in der Bevölkerung heute weiter verbreitet als je zuvor. Das halte ich für einen Irrtum. Treffender ist, dass das Online-Umfeld sicher einen Einfluss hat und wahrscheinlich zu einem Wiederaufleben beigetragen hat. Aber historisch betrachtet glaube ich nicht, dass wir heute in der verschwörungsgläubigsten Zeit überhaupt leben. In den 1930er-Jahren gab es in Deutschland, aber auch überall sonst in Europa, Unmengen von Verschwörungstheorien – etwa über jüdische Verschwörungen zur Weltherrschaft. Auch im Mittelalter waren Verschwörungstheorien sehr verbreitet: Junge Frauen seien Hexen, die mit dem Teufel konspirierten; Juden hätten die Wasserversorgung vergiftet und dadurch die Pest verursacht. Verschwörungstheorien gab es wirklich zu allen Zeiten.
Und heute wissen die Menschen im Allgemeinen viel mehr darüber, wie die Welt funktioniert. Als Wissenschaftler konzentrieren wir uns auf diejenigen, die an Verschwörungstheorien glauben, aber die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht besonders verschwörungsgläubig. Im Durchschnitt sind die Menschen im Laufe der Zeit rationaler geworden.
Neuere Arbeiten, die Umfragen über mehrere Jahrzehnte hinweg verglichen haben, fanden keinen Anstieg über die Zeit (1). Das glaube ich auch, obwohl ich Mühe habe, es mit einigen Entwicklungen in Einklang zu bringen, die man mit Verschwörungsglauben in Verbindung bringen könnte: sinkender Impfbereitschaft, Unterstützung populistischer Bewegungen und zunehmender Polarisierung.
Sevincer: Und der zweite Irrtum?
van Prooijen: Der betrifft eher die Forschung als die Öffentlichkeit, und ich beschäftige mich in letzter Zeit viel damit. In unserem Feld ist die Vorstellung weit verbreitet, dass Menschen gleichzeitig an widersprüchliche Verschwörungstheorien glauben – also an zwei Theorien, die sich gegenseitig ausschließen, etwa dass Prinzessin Diana ermordet wurde –
Mukerji: – und dass sie ihren eigenen Tod vorgetäuscht hat.
van Prooijen: Genau. Dahinter stehen zwei Annahmen: dass solche Überzeugungen positiv miteinander korrelieren und dass es weit verbreitet ist, beide gleichzeitig zu vertreten.
2023 habe ich eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass diese Korrelation ein statistisches Artefakt ist (2). Sie entsteht fast vollständig durch die vielen Personen in der Stichprobe, die beide Theorien ablehnen. Wenn Sie glauben, dass es einfach ein Autounfall war, glauben Sie weder, dass Diana ermordet wurde, noch, dass sie ihren Tod vorgetäuscht hat – und auch das erzeugt eine positive Korrelation. Eine neuere Studie von Miani et al. (2026) kommt zu einer etwas anderen Einschätzung dazu, wie häufig widersprüchliche Verschwörungsüberzeugungen tatsächlich sind (3). Ich habe allerdings gerade eine neue Arbeit im Begutachtungsverfahren, die zeigt, dass auch diese Zahlen stark übertrieben sind. Es kommt vor, aber extrem selten.
Sevincer: Dann lassen Sie mich zu dem Punkt kommen, den ich schwierig finde: Wie unterscheidet man einen berechtigten Verdacht von einem irrationalen? Manche Verschwörungen sind real – Watergate hat sich als wahr erwiesen –, und zugleich kann das Etikett „Verschwörungstheoretiker“ benutzt werden, um Ideen zu diskreditieren. Ich fand diese Grenze in manchen Fällen selbst schwer zu ziehen. In den 1990er-Jahren dachte ich nach dem Kevin-Costner-Film über das Kennedy-Attentat, dass vielleicht doch mehr dahintersteckte als ein einzelner Schütze – heute überzeugt mich die Evidenz davon, dass das nicht so war. Und als COVID begann, war meine erste Reaktion, dass die Lab-Leak-Hypothese wie eine weitere Verschwörungstheorie klang. Aber ich habe meine Einschätzung mehrfach geändert und kam zu dem Schluss, dass es zumindest damals eine Hypothese war, die man nicht einfach abtun sollte.
Mukerji: Streng genommen wäre die Vertuschung die Verschwörung gewesen.
Sevincer: Die Vertuschung, ja. Wie sollte man mit diesem Dilemma umgehen?
van Prooijen: Es kann durchaus sehr berechtigte Verdachtsmomente oder Korruptionsvorwürfe geben. Und die erste Lehre betrifft schon das Etikett selbst: Der Begriff Verschwörungstheorie ist abwertend geworden. Karen Douglas, Robbie Sutton und ich haben untersucht, wie Menschen ihn verwenden, und wir reservieren ihn meist für Ideen, an die wir selbst nicht glauben (4). Als Wissenschaftler sollte man den Begriff meiner Meinung nach nicht so verwenden, denn dann wird er inhaltsleer.
Nehmen wir COVID. Inzwischen gab es eine Veröffentlichung in Science (5), und noch jüngere Bewertungen kommen zu dem Schluss, dass das Gewicht der verfügbaren Evidenz für einen zoonotischen Ursprung in Verbindung mit dem Huanan-Markt spricht (6). Davor war es, wie Sie sagen, eine Hypothese. Solange es keine eindeutige Evidenz in die eine oder andere Richtung gibt, hilft das Etikett meiner Meinung nach nicht. Man sollte sehr vorsichtig damit umgehen, weil es auch dazu dienen kann, berechtigte Kritik oder abweichende Meinungen abzuwürgen.
Mukerji: Ich war selbst einmal auf der anderen Seite dieses Etiketts. Als Adriano Mannino und ich zu Beginn der Pandemie vor COVID warnten (7), gehörten einige der Menschen, die die Gefahr ernst nahmen, zur extremen Rechten. Ich musste Journalisten also erklären, dass ich keine Verschwörungstheorie verbreitete, sondern Daten von Forschern aus Asien weitergab. Dann drehte sich die Situation: Die Rechtsextremen erklärten die Lockdown-Maßnahmen zur Verschwörung, und wir waren wieder im Mainstream. Das hat mir gezeigt, wie schädlich das Etikett selbst sein kann.
van Prooijen: Dazu gibt es sogar eine Meta-Verschwörungstheorie: Manche Verschwörungstheoretiker glauben, die CIA habe den Begriff erfunden, um berechtigte Kritik zu unterdrücken.
Mukerji: Historisch gehört das doch zu den ersten Verwendungen des Begriffs, oder?
van Prooijen: Nein. Ich weiß, worauf Sie anspielen – auf den Bericht nach dem Kennedy-Attentat. Dort kommt der Begriff nur ein- oder zweimal vor, eigentlich nur als sachliche Beschreibung der Verschwörungstheorien, die nach dem Mord kursierten, etwa dass Oswald nicht allein gehandelt habe. Und der Begriff war schon vorher in Gebrauch – Popper etwa verwendete ihn bereits in den 1940er-Jahren. Nein, die CIA hat den Begriff also nicht erfunden.
Sevincer: Vielleicht hilft es, zunächst zu klären, was eine Verschwörungstheorie eigentlich ist und wie sie definiert wird.
van Prooijen: Die einfache Definition lautet: der Glaube, dass mehrere Akteure heimliche Absprachen treffen, um Ziele zu verfolgen, die weithin als böswillig, unmoralisch oder kriminell angesehen werden. Daraus folgen ein paar Dinge. Es sind immer mehrere Personen beteiligt. Es geschieht im Geheimen – wenn alles offen abläuft, sind die Beteiligten einfach korrupt. Und es müssen böswillige Absichten dahinterstehen. Wenn Sie sich mit anderen verschwören, um einen Kollegen mit einer Party zu überraschen, ist das nicht das, was wir untersuchen.
Mukerji: Ist das ein wissenschaftlicher Begriff oder eher eine Alltagsvorstellung davon, was Menschen mit dem Ausdruck verbinden?
van Prooijen: Ich würde sagen, beides – und beides deckt sich nicht immer. Im Alltagsverständnis sind Verschwörungstheorien diese bizarren, extremen Vorstellungen, die eindeutig falsch sind. Der wissenschaftliche Begriff kann aber auch durchaus plausible Ideen umfassen, die einfach noch nicht belegt sind. Das ist der entscheidende Unterschied.
Mukerji: Aber wenn eine Verschwörungstheorie aufhört, eine Theorie zu sein, sobald sie bestätigt ist, entsteht ein Problem. Wir sprechen ja auch von der Evolutionstheorie, obwohl die Evidenz dafür überwältigend ist. Und wenn Sie Verschwörungstheorien als unbestätigt definieren, läuft man Gefahr, den Glauben daran schon per Definition irrational erscheinen zu lassen.
van Prooijen: Etwas kann unbestätigt sein und trotzdem können sehr starke Hinweise in eine bestimmte Richtung weisen. Wenn es gute Gründe gibt, eine Verschwörung zu vermuten, ist es nicht irrational, sie zu untersuchen.
Mukerji: Aber wann ist etwas ausreichend bestätigt, um zur Tatsache zu werden?
van Prooijen: Damit sind wir in sehr philosophischem Gelände. Ab wann ist etwas so gut belegt, so gut nachgewiesen, dass man sagen kann: Das ist keine Theorie mehr, das ist eine Tatsache? Das kann ich nicht in ein paar Sätzen beantworten.
Sevincer: Wo verläuft die Grenze also tatsächlich?
van Prooijen: Man sollte im Hinterkopf behalten, dass es für eine tatsächliche Verschwörung ein anderes Wort gibt: Korruption. Korruption ist in vielen Ländern ein großes Problem. Zwischen berechtigtem Korruptionsverdacht und irrationalem Verschwörungsdenken gibt es eine Grauzone, und es ist nicht immer klar, wo die Grenze verläuft.
Als Wissenschaftler würde ich den Begriff Verschwörungstheorie einfach für den Verdacht auf eine Verschwörung verwenden, der noch nicht bewiesen ist. Das muss nicht abwertend gemeint sein. 1972 begannen Woodward und Bernstein, den Watergate-Skandal zu untersuchen. Nach jeder wissenschaftlichen Definition verfolgten sie damals eine Verschwörungstheorie – mit dem Unterschied, dass sie sich als wahr erwies. Die Evidenz bestätigte ihre Theorie schließlich. Watergate, der Volkswagen-Dieselskandal, Milli Vanilli: Das waren reale Verschwörungen.
Sevincer: Was unterscheidet dann den Ermittler vom Verschwörungstheoretiker?
van Prooijen: Nicht das Thema, sondern die Methode – also die Art, wie man Evidenz sammelt und recherchiert. Verbeißt man sich in die Vorstellung, die eigene Theorie müsse wahr sein, und schiebt alle gegenteiligen Belege beiseite? Oder bleibt man offen für die Möglichkeit, dass der ursprüngliche Verdacht falsch war und vielleicht gar nichts dahintersteckt? Das ist für mich der entscheidende Unterschied zwischen einem Verschwörungstheoretiker und jemandem, der berechtigterweise Korruption vermutet und sie untersucht.
Lewandowsky und Kollegen (8) machen dazu einen interessanten Punkt: Gerade die überzeugtesten Verschwörungstheoretiker sind sehr schlecht darin, reale Korruption zu erkennen. Das leuchtet mir ein. Wer an die wildesten Verschwörungstheorien glaubt – etwa daran, dass formwandelnde reptilienartige Eliten heimlich die Welt beherrschen –, hat offenbar eine fehlerhafte epistemische Methode. Und dieselbe fehlerhafte Methode erschwert es auch, Verschwörungen richtig einzuschätzen, die tatsächlich real sein könnten.
Mukerji: Die meisten Studien untersuchen Menschen, die bereits an Verschwörungstheorien glauben, und fragen dann, wie sie denken. Mich würde etwas anderes interessieren. Nehmen Sie intelligente und, um es einmal unverblümt zu sagen, dumme Menschen, konfrontieren Sie beide mit Belegen und schauen Sie, wer eine reale Verschwörung korrekt von einer falschen unterscheidet. Gibt es Forschung, die so vorgeht?
van Prooijen: Es gibt einige Studien mit dem Cognitive Reflection Test. Menschen, die darin besser abschneiden, glauben seltener an Verschwörungstheorien (9). Ich habe außerdem mit meinem Kollegen Thomas Ståhl eine Studie durchgeführt, in der wir zwei Dinge untersucht haben: kognitive Reflexion und die Motivation, rational zu sein und sich an Evidenz zu orientieren (10). Wir fanden, dass geringerer Verschwörungsglaube mit der Kombination aus beidem zusammenhing. Anders gesagt: Um weniger anfällig zu sein, braucht man sowohl die Fähigkeit als auch den Willen, rational zu sein.
Mukerji: Aber man kann natürlich auch von vornherein die Karten zinken, indem man nur sehr unplausible Verschwörungstheorien abfragt – die Hohlerde, die Echsenmenschen. Hat jemand versucht, die epistemische Qualität der Theorien zu variieren?
van Prooijen: Es gibt eine Skala namens Verschwörungsmentalität, die eine allgemeine Neigung erfasst zu glauben, dass Verschwörungen existieren. Je höher Menschen darauf abschneiden, desto eher glauben sie an abwegige Theorien. Aber eine neuere Studie, die mir sehr gefallen hat, zeigte auch: Menschen mit sehr niedrigen Werten unterschätzen eher echte Verschwörungen (11). Man kann also auch zu naiv sein.
Mukerji: Untersucht die Forschung dieses umgekehrte Problem genauso intensiv – also Fälle, in denen Menschen reale Verschwörungen oder Korruption nicht erkennen?
van Prooijen: Nein. Das wäre wirklich interessant, aber ich habe mich damit nicht beschäftigt.¹
Mukerji: Es gibt also zwei Fehler, die man machen kann: eine wahre Verschwörungstheorie nicht zu glauben oder eine falsche zu glauben. Was ist das richtige Gleichgewicht?
van Prooijen: Fehler erster und zweiter Art, ja. Genau diesen Punkt haben wir 2018 in einer Arbeit mit Mark van Vugt gemacht (12). Historisch könnten die Folgen einer übersehenen realen Verschwörung weitaus gravierender gewesen sein als die Folgen des Glaubens an eine Verschwörung, die sich als erfunden erwies.
Das ist die Error-Management-Theorie: Wenn eine Art von Fehler weniger kostspielig ist als die andere, entwickeln wir eine Tendenz, eher den weniger kostspieligen Fehler zu machen. Ich glaube, dass genau das zumindest in der Vergangenheit passiert ist. Ob dieses Verhältnis in modernen Gesellschaften noch genauso gilt, ist eine andere Frage.
Sevincer: Wie sieht das Stereotyp eines Verschwörungstheoretikers aus – und wie zutreffend ist es?
van Prooijen: Das Stereotyp ist ein einsamer Typ mit langem Bart, der noch bei seiner Mutter wohnt, arbeitslos ist und nichts Besseres zu tun hat. Es ist weitgehend falsch, denn Verschwörungstheorien findet man überall: bei Reichen und Armen, Menschen mit hoher und niedriger Bildung, Männern und Frauen. Geschlechtsunterschiede finden wir normalerweise überhaupt nicht.
Gleichzeitig steckt in manchen Stereotypen ein Körnchen Wahrheit. Widrige Lebenserfahrungen – berufliches Scheitern, Diskriminierung, soziale Ausgrenzung – hängen mit stärkerem Verschwörungsglauben zusammen (13). Die Effekte sind aber zu klein, um von einem Profil des Verschwörungstheoretikers sprechen zu können.
Sevincer: Wenn ich mit Freunden darüber spreche, fällt die Reaktion oft noch direkter aus: Man muss doch dumm sein, um so etwas zu glauben. Gibt es einen Zusammenhang mit Intelligenz?
van Prooijen: Den IQ haben wir nicht direkt untersucht, wohl aber Bildung. Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau sind etwas anfälliger, der Zusammenhang ist allerdings eher gering (14) und zeigt sich nicht überall. In einigen Ländern des Nahen Ostens war der Zusammenhang sogar umgekehrt, möglicherweise weil sich Bildungssysteme darin unterscheiden, welche Narrative sie vermitteln – etwa bei der Frage, ob Araber für 9/11 verantwortlich waren (15).
Und es gibt zwei Einschränkungen. Natürlich können auch hochgebildete Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Außerdem kann Bildung Menschen auch besser darin machen, ihre Überzeugungen zu rationalisieren – also Quellen zu finden und Argumente zu formulieren, die das stützen, was sie ohnehin schon denken.
Sevincer: Ist der Glaube an Verschwörungstheorien pathologisch? Sie sprechen das in Ihrem Buch an: Handelt es sich um pathologische Prozesse oder um übersteigerte Formen von Prozessen, die wir alle haben?
van Prooijen: Nicht unbedingt pathologisch. Einige Formen von Psychopathologie – Schizotypie, Depression, Schizophrenie, Neigung zu Wahnvorstellungen – hängen mit stärkerem Verschwörungsglauben zusammen (16). Wir haben aber auch mehr als 600 Menschen mit einer Autismusdiagnose mit einer Bevölkerungsstichprobe von über 4.000 Personen verglichen und keinen Unterschied in der Verschwörungsmentalität zwischen den Gruppen gefunden (17).
Sevincer: Was hatten Sie erwartet?
van Prooijen: Es war eine Art gegnerische Zusammenarbeit mit einem Kollegen, der Autismusforscher ist. Ich dachte, Autismus könnte Menschen anfälliger machen, weil soziale Isolation Verschwörungsdenken fördern kann. Er sagte das Gegenteil voraus: Autismus könnte schützen, weil autistische Menschen beim Empathisieren – dem Verstehen mentaler Zustände anderer – tendenziell niedrigere Werte haben, beim Systematisieren – dem Suchen nach Regeln und Mustern in Systemen – aber höhere. Ich konnte seine Argumentation nachvollziehen. Aber: eine Nulllinie.
Der wichtige Punkt ist: Man braucht keine psychische Störung, um an Verschwörungstheorien zu glauben. Menschen können erfolgreiche Karrieren haben und trotzdem die wildesten Dinge glauben.
Sevincer: Ein Teil des Stereotyps ist politisch. Während der Pandemie wurde „Corona ist ein Schwindel“ vor allem mit der politischen Rechten verbunden. Wie verteilt sich der Glaube an Verschwörungstheorien über das politische Spektrum?
van Prooijen: Einige Forscher, darunter Roland Imhoff und ich, haben Hinweise auf eine U-Kurve gefunden: mehr Verschwörungsglaube an beiden politischen Extremen. Andere finden eher das, was dem Stereotyp entspricht – höhere Werte auf der rechten Seite, besonders ganz rechts.
Gemeinsam mit Imhoff habe ich eine Studie durchgeführt, die in Nature Human Behaviour veröffentlicht wurde und mehr als 100.000 Teilnehmende aus 26 Ländern umfasste (18). Wir fanden beides. Es gibt eine U-Kurve, aber sie ist asymmetrisch – eher wie ein Angelhaken oder ein Nike-Swoosh. Ganz links ist der Verschwörungsglaube stärker als in der Mitte, aber ganz rechts ist er am stärksten.
Zwischen den Ländern gibt es allerdings erhebliche Unterschiede. In manchen Ländern, etwa Spanien, ist Verschwörungsglaube auf der linken Seite verbreiteter. Und es kommt darauf an, was man unter politischer Ideologie versteht. Für die wirtschaftspolitische Links-rechts-Dimension fanden wir praktisch keinen Zusammenhang, sehr wohl aber für die soziokulturelle Dimension – insbesondere für rechte Positionen, die den Schutz des eigenen Landes und der eigenen Kultur vor Einwanderung betonen. Das Muster hängt also stark vom jeweiligen Land und seiner politischen Kultur ab.
Sevincer: Unterscheidet sich auch der Inhalt? Gibt es typische rechte und typische linke Verschwörungstheorien?
van Prooijen: Auf jeden Fall. „COVID ist ein Schwindel“ ist ein typisches Beispiel von rechts, auch wenn es auf der Linken nicht völlig fehlt. Auf der linken Seite findet man etwa Behauptungen, Kriege im Nahen Osten würden nur wegen Ölprofiten geführt, Donald Trump sei ein russischer Agent oder republikanische Amtsträger hätten während Hurrikan Katrina absichtlich arme Wohnviertel überflutet.
Manche Themen gibt es sogar in linken und rechten Varianten. Beim Klimawandel lautet eine typische rechte Theorie, er sei ein Schwindel; auf der Linken können sich Verdächtigungen dagegen darauf richten, dass Unternehmen oder Regierungen übertreiben, wie umweltfreundlich ihre Politik tatsächlich ist. Manchmal können solche Verdächtigungen berechtigt sein, sie können aber auch überzogen sein.
Ein weiteres Beispiel ist 9/11. Ganz rechts machen manche Theorien Israel oder den Mossad für die Anschläge verantwortlich. Auf der linken Seite konzentrieren sich andere auf die Bush-Regierung und behaupten, sie habe die Anschläge inszeniert oder bewusst zugelassen, um spätere Kriege zu rechtfertigen.
Sevincer: In Ihrem Buch erwähnen Sie auch einen Zusammenhang zwischen Verschwörungsdenken und Populismus.
van Prooijen: Populismus ist damit eng verbunden. Im Kern steht die Vorstellung, die Gesellschaft sei ein Kampf zwischen korrupten Eliten und gewöhnlichen Menschen. Das überschneidet sich zwangsläufig mit Verschwörungsdenken, und unsere Forschung stützt diesen Zusammenhang. In einer Studie in 13 EU-Ländern fanden wir ihn überall, wenn auch stärker in West- als in Osteuropa (19).
Die konkreten Vorwürfe unterscheiden sich je nach Ideologie: Ganz rechts wird Eliten häufig vorgeworfen, Einwanderer gegenüber der eigenen Bevölkerung zu bevorzugen; ganz links eher, gewöhnliche Menschen auszubeuten – etwa indem große globale Unternehmen unfair niedrige Löhne zahlen. Das zugrunde liegende Weltbild – ein Kampf zwischen Eliten und Volk – ist aber ähnlich.
Sevincer: Was passiert psychologisch, wenn jemand glaubt, die Mondlandung sei inszeniert gewesen? Dafür muss man ziemlich viel widersprechende Evidenz ausblenden.
van Prooijen: Ich halte zwei schnelle, fast automatische Prozesse für wichtig: Musterwahrnehmung und das Erkennen von Absichten. Wir neigen dazu, Punkte miteinander zu verbinden und Absichten zu unterstellen – normalerweise nützliche Tendenzen, die aber auch zu Fehlschlüssen führen können. Wir können Zusammenhänge oder absichtsvolles Handeln sehen, wo es keine gibt.
Dann gibt es den Proportionalitätsbias: die Tendenz anzunehmen, dass ein großes Ereignis auch eine entsprechend große Ursache haben müsse. Das sah man nach dem Kennedy-Attentat – die Vorstellung, ein einzelner Schütze könne unmöglich den mächtigsten Mann der Welt getötet haben. Aber warum nicht? Man muss nur den Abzug betätigen.
Und dann gibt es langsamere, stärker reflektierte Prozesse, insbesondere motiviertes Schlussfolgern. Wenn Menschen sich erst einmal auf die Vorstellung festgelegt haben, dass eine Theorie wahr sein muss, können sie widersprechende Evidenz ignorieren, Experten, die anderer Meinung sind, als unzuverlässig, als Teil der Verschwörung oder einfach als dumm abtun und gezielt jene Experten akzeptieren, die ihre Sicht stützen.
Sevincer: Wenn Verschwörungstheorien offenbar die ganze Geschichte hindurch existiert haben – könnten sie eine evolutionäre Funktion gehabt haben?
van Prooijen: Ich würde sagen, die zugrunde liegende Tendenz ist eine evolutionär entstandene Reaktion. Wenn man auf Gruppen trifft – besonders mächtige Gruppen, die man nicht gut kennt und von denen man glaubt, dass sie einem schaden könnten –, ergibt es Sinn, ihnen zunächst nicht zu vertrauen und das Schlimmste zu erwarten. In einer angestammten Umwelt konnte das lebensrettend sein. Eine Neigung zu Verschwörungstheorien könnte ein Überbleibsel dieser Tendenz sein, fremden Gruppen zu misstrauen; Vorurteile könnten aus demselben Ursprung stammen. Sie gehen auf eine Vergangenheit zurück, in der Konflikte zwischen Gruppen eine häufige Todesursache waren. Genau dieses Argument haben Mark van Vugt und ich in unserer Arbeit von 2018 entwickelt (12).
Mukerji: Was damals adaptiv war, muss heute also nicht unbedingt rational sein?
van Prooijen: Genau. Menschen haben sich nicht entwickelt, um immer die Wahrheit zu finden oder immer rational zu sein. Menschen haben sich entwickelt, um am Leben zu bleiben. Manchmal bedeutet das, auf Nummer sicher zu gehen, auch wenn man sich damit irren könnte.
Mukerji: Das klingt ähnlich wie Gigerenzers Konzept der ökologischen Rationalität (20): Heuristiken können in einer Umwelt gut funktionieren und in einer anderen schlecht.
van Prooijen: Richtig. Das ist ein evolutionäres Mismatch. Unser Denken hat sich in Umwelten entwickelt, die sich stark von der modernen Gesellschaft unterschieden. Tendenzen, die früher adaptiv gewesen sein mögen, können heute schlecht funktionieren. Wir glauben, dass Verschwörungsdenken ein Beispiel für ein solches Mismatch ist.
Sevincer: Haben Verschwörungstheorien heute noch eine Funktion?
van Prooijen: Das können sie. Denken Sie an einen Krieg. Wenn Sie in Kyjiw leben, haben Sie vielleicht Verschwörungstheorien über Russland, deren konkrete Details nicht immer stimmen. Aber das übergeordnete Bild hält die Vorstellung davon wach, wer Ihr Feind ist und wer tatsächlich Raketen auf Ihr Haus schießen könnte. Das wäre ein Beispiel dafür, dass Verschwörungsdenken noch immer eine Schutzfunktion haben kann.
Darüber hinaus gibt es psychologische Funktionen: Bedeutung herstellen, die Welt verständlich machen, eine komplexe Realität vereinfachen. Und wir haben Daten, die zeigen, dass Verschwörungstheorien auch schlicht unterhaltsam sein können. Menschen erkunden sie gern, als wäre das Leben ein einziges großes Rätsel.
Sevincer: Dann sprechen wir über die Gefahren. In der jüngeren Geschichte gibt es Beispiele dafür, dass das außer Kontrolle geraten ist – am deutlichsten vielleicht die Theorie, die amerikanische Wahl sei gestohlen worden.
van Prooijen: Ich habe gesagt, Verschwörungstheorien seien unterhaltsam. Ich habe nicht gesagt, dass sie harmlose Unterhaltung sind. Die Ausschreitungen am Kapitol sind ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Verschwörungstheorien Gewalt fördern können; allgemeiner hängen sie mit radikalen Tendenzen und der Rechtfertigung von Gewalt zusammen.
Auch Kriege gehen mit Verschwörungstheorien Hand in Hand. Erinnern Sie sich an Putins Rhetorik über die ukrainische Regierung: Sie sei ein Nazi-Regime, das Völkermord begehe, und die NATO betreibe in der Ukraine Labore für chemische und biologische Waffen. Das waren Verschwörungstheorien, die Putin nutzte, um den Krieg zu rechtfertigen.
Mukerji: Sie funktionieren also als Rechtfertigungen – als kausaler Faktor.
van Prooijen: Es ist üblich, dass politische Führer Verschwörungstheorien benutzen, um Kriege zu rechtfertigen, und wir haben in einer Studie untersucht, ob das tatsächlich funktioniert (21). Das tut es: Verschwörungstheorien können die öffentliche Unterstützung für einen Krieg erhöhen. In diesem Sinne kann es ein billiges und wirksames Mittel sein, Verschwörungstheorien über ein Land zu verbreiten, das man angreifen will, um die öffentliche Meinung auf seine Seite zu ziehen.
Allgemeiner gilt das Thomas-Theorem: Wenn Menschen etwas für wahr halten, handeln sie so, als wäre es wahr. Wenn sie glauben, Impfstoffe enthielten Mikrochips, verweigern sie möglicherweise die Impfung; wenn sie Klimapolitik als Teil einer Verschwörung betrachten, beeinflusst das, wie sie darauf reagieren. Irrationale Überzeugungen können sehr reale Folgen haben.
Sevincer: Und dann taucht ein echter Skandal auf. Der wahre Kern von QAnon, sagen manche, sei der Fall Epstein.
van Prooijen: Bei QAnon ging es um einen riesigen Pädophilenring aus überwiegend demokratischen Politikern, die koordiniert ritualisierten sexuellen Kindesmissbrauch betrieben. Als die Epstein-Akten zugänglich wurden, lautete die Reaktion: Seht ihr, wir hatten recht. Aber vieles von dem, was bekannt wurde, wusste man schon vorher, und weiterhin ist unklar, wer beteiligt war, wer Bescheid wusste und wegsah und wer Epstein lediglich kannte, ohne zu wissen, was er tat.
Der Fall Epstein zeigt, dass sexueller Kindesmissbrauch wohlhabende und gut vernetzte Menschen einschließen kann. Das ist aber etwas völlig anderes als die grandiose Behauptung eines koordinierten Netzwerks, das von der Demokratischen Partei betrieben wird.
Mukerji: Wenn Sie eine einzige zugespitzte Antwort geben müssten: Was ist die wichtigste Erkenntnis Ihrer Forschung, die Menschen über Verschwörungstheorien wissen sollten?
van Prooijen: Viele Verschwörungstheoretiker verstehen sich als kritische Bürger. Seien Sie auch kritisch gegenüber dem Online-Influencer, der alles sehr einfach erscheinen lässt, sämtlichen Experten und dem Konsens widerspricht und die wildesten Theorien verbreitet. Wer wirklich kritisch ist, sollte auch dieser Person gegenüber kritisch sein.
Mukerji: Unter kritischem Denken verstehen viele Menschen einfach, etwas abzulehnen.
van Prooijen: Genau das glauben viele. Aber alle Experten abzulehnen und einem Influencer blind hinterherzulaufen, ist nicht kritisch. Das ist zynisch.
Kritisches Denken bedeutet, die Evidenz kritisch zu prüfen. Es kann heißen, gute Ideen zu akzeptieren und schlechte abzulehnen und erklären zu können, warum etwas plausibel oder unplausibel erscheint. „Das ist ein Politiker, also lügt er“ hat mit kritischem Denken nichts zu tun.
Mukerji: Was sollten wir als Skeptiker also im Umgang mit Verschwörungstheorien tun?
van Prooijen: Ich glaube nicht, dass wir Menschen dazu ermutigen sollten, Verschwörungstheorien entweder zu glauben oder nicht zu glauben. Wir sollten sie dazu ermutigen, rational zu denken: bereit zu sein, ihre Meinung zu ändern, intellektuell bescheiden zu sein und anzuerkennen, dass der erste Eindruck falsch sein kann.
Es wird immer tatsächliche Korruption und reale Verschwörungen geben. Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen berechtigten Verdachtsmomenten nachgehen, wenn etwas wirklich faul erscheint, aber auch erkennen, wann Verschwörungstheorien schädlich sind. Wir sollten Rationalität fördern, nicht Glauben oder Unglauben.
Sevincer: Wie sind Sie persönlich dazu gekommen, sich für Verschwörungstheorien zu interessieren? Haben Sie selbst je an eine geglaubt? Ich hatte Freunde, die das taten, und als Jugendlicher fand ich selbst einige Dinge faszinierend – das Bermuda-Dreieck, das Gesicht auf dem Mars, Castaneda. Das hat zu meinem Interesse am Skeptizismus beigetragen.
van Prooijen: Bei mir begann es mit zwei guten Freunden, die an 9/11-Verschwörungstheorien glaubten. Interessant fand ich, dass es nette Typen mit völlig normalen Leben waren – überhaupt nicht die stereotypen Verschwörungstheoretiker. Sie glaubten einfach an diese Theorien. Wie kann das sein?
Glaube ich selbst daran? Ich denke, bis zu einem gewissen Grad tut das jeder, und wie wir besprochen haben, muss das nicht immer irrational sein. Nach der Wahl 2016 etwa war ich geneigt, Theorien über eine Zusammenarbeit Trumps mit Russland zu glauben. Wir sind also alle bis zu einem gewissen Grad anfällig. Das ist nichts, was ausschließlich Tastaturkrieger im Internet betrifft.
Sevincer: Haben Sie schon einmal mit einem Verschwörungstheoretiker debattiert? Ist das ein Kinderspiel?
van Prooijen: Es ist kein Kinderspiel. Erwarten Sie keine Wunder. Das Wichtigste ist, respektvoll zu bleiben. Bleiben Sie sich selbst treu, sagen Sie, dass Sie anderer Meinung sind, aber tun Sie das respektvoll, wenn die andere Person ernsthaft in Betracht ziehen soll, dass sie sich irren könnte. Und man sollte wissen, wovon man spricht. Wenn jemand alle möglichen Theorien über Impfstoffe hat und man selbst nicht weiß, wie Impfstoffe funktionieren, sollte man sich vorher einlesen.
Mukerji: Das ist schwierig wegen des Prinzips der Bullshit-Asymmetrie. Man kann sich auf der Stelle etwas ausdenken, aber es zu überprüfen, dauert viel länger.
van Prooijen: Genau. Experten sind vorsichtig. Wenn ihnen jemand eine angebliche Tatsache hinwirft, lautet ihre erste Reaktion vielleicht: Habe ich diese Veröffentlichung übersehen? Das muss ich prüfen. Für Außenstehende kann das so wirken, als verlören sie die Debatte. Aber einen Experten auf dem falschen Fuß zu erwischen, macht eine Behauptung noch nicht wahr.
Sevincer: Letzte Frage: Was sind Ihre Top drei Verschwörungstheorien mit dem höchsten Absurditätsfaktor?
van Prooijen: Eine meiner Lieblingsgeschichten steht in meinem neuen populärwissenschaftlichen Buch, das gerade erscheint: Ein Gast in der Alex-Jones-Show behauptete einmal, die NASA habe bereits Menschen auf dem Mars und schicke junge Mädchen als Sexsklavinnen dorthin. Das führte tatsächlich zu einer offiziellen Reaktion der NASA, die erklärte, sie habe auf dem Mars nur einen Rover.
Dann die flache Erde – die will mir bis heute nicht in den Kopf. Eine US-Umfrage ergab, dass etwa zwei Prozent glaubten, die Erde sei flach, während weitere sieben Prozent sagten, sie seien sich nicht sicher (22). Nicht sicher!
Und drittens die Alien-Echsen. Mich fasziniert, dass so offensichtlich ist, woher die Idee kommt: aus der Science-Fiction-Serie V. Reptilienartige Außerirdische tarnen sich als Menschen und übernehmen die Kontrolle über die Menschheit. Die Leute haben etwas aus der Fiktion übernommen und zur Wahrheit erklärt.
Foto: privat
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