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27.09.2010
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So erkennt man eine VerschwörungstheorieBernd Harder
Abtun von widersprechenden Beweisen als Indiz für eine Verschwörung: Der Verschwörungstheoretiker fängt mit der Schlussfolgerung an und findet dann Gründe, um alles auszuschließen, was ihr nicht entspricht. Ein Assistent des führenden JFK-Attentats-Theoretikers Jim Garrison erläutert dessen Ermittlungsmethoden im Mordfall Kennedy wie folgt: „Meistens ordnet man die Fakten und zieht dann die Schlussfolgerungen. Doch Garrison zog eine Folgerung und ordnete anschließend die Fakten. Und wenn die Fakten nicht passten, pflegte er zu sagen, dass sie von der CIA verändert worden seien." Obskurität: Von der Voraussetzung ausgehend, dass der äußere Anschein trügt, lehnt sie das gewöhnliche Wissen ab und sucht exotische und wenig bekannte Varianten. Eine Vorliebe für das Unwahrscheinliche und das Okkulte verleiht ihren Daten eine typische und erkennbare Qualität. Abneigung, Wissen preiszugeben: Dieses zeigt sich gewöhnlich in Form von passiven Verben und vagen Pronomen („sie"), findet aber manchmal auch offen Ausdruck: „Um die Namen der Personen zu schützen, habe ich mich entschieden, meine Quelle im gegenwärtigen Augenblick nicht preiszugeben." Stützen auf Fälschungen: Fälschungen als Beweismittel spielen hier eine überdimensionale Rolle.
Das bedeutendste Fälschungsdokument waren die so genannten „Protokolle der Weisen von Zion", die in Frankreich und Russland aus mehreren schon existierenden, zum Teil offenkundig fiktionalen Werken zusammengeschustert wurden (vgl. Skeptiker 1/00). Widersprüchlichkeiten: Verschwörungstheoretiker bringen mit leichten Abwandlungen und aufschlussreichen Widersprüchen immer die gleichen Kernthesen in Umlauf. Ein halbes Jahrhundert lang hat in den USA eine rechtsgerichtete Gruppe nach der anderen Alarm geschlagen wegen feindlicher Truppen, die sich an der amerikanisch-mexikanischen Grenze zusammenziehen. Mal waren es Juden, dann wieder Chinesen, Vietnamesen oder Russen. Die genaue Identität spielt fast keine Rolle, obwohl die Angst sich hält. Solche Sorglosigkeit im Sachlichen deutet auf eine paranoide politische Denkweise hin. Unmengen von gelehrter Scheinfaktizität und pedantischen Verweisen: Verschwörungstheoretiker scheinen es darauf abgesehen zu haben, den Skeptiker mit Namen, Daten und Fakten zu bombardieren.
Zum Beweis, dass die CIA in den Verkauf von Kokain an Straßengangs in Los Angeles verwickelt war, lieferte der Autor Gary Webb eine solch irre Fülle an Details über so viele Personen, dass der benommene Leser der Argumentation kaum mehr klar zu folgen vermag. Aufeinandertürmen von Verschwörungstheorien: Die Lücke in einer Verschwörungstheorie (dass beispielsweise in der Leiche John F. Kennedys keine zusätzlichen Kugeln gefunden wurden) wird wiederum durch eine weitere Verschwörungstheorie erklärt (die Kugeln sind von Ärzen heimlich entfernt worden). Unkritische Akzeptanz jedweden Arguments, das auf eine Verschwörung hindeutet: Zum einen behauptete der britische Antisemit C. H. Douglas, Hitler sei ein illegitimer Rothschild-Abkömmling. Zum anderen behauptet der amerikanische Verschwörungstheoretiker Lyndon LaRouche, Winston Churchill sei ein Handlanger der Rothschilds gewesen. Ein Widerspruch? Ganz und gar nicht. Die lockere Logik des Verschwörungsdenkens findet eine Synthese: Die Rothschilds haben beiden Konfliktparteien Geld geliehen, weil es ihnen im Grunde egal war, wer gewann und wer verlor.
Leichtfertiger Umgang mit Fakten: Manchmal erfinden Verschwörungstheoretiker Tatsachen aus dem Nichts. Um die „October Surprise"-Verschwörung zu veranschaulichen (laut dem ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten Ross Perot soll George Bush 1980 die Freilassung amerikanischer Geiseln in Teheran verhindert haben, um Jimmy Carters Wahlchancen zu schaden), lieferte der Buchautor Gary Sick verblüffend präzise Details zu Ereignissen, die nie stattgefunden haben. Zur Ausschmückung einer nie abgehaltenen konspirativen Versammlung am 27. 7. 1980 in Madrid fügte er beispielsweise folgende Aussage an: „Die Unterredung wurde zweimal unterbrochen, weil Hotelkellner zum Servieren des Kaffees hereinkamen." Macht als Ziel: Alles andere ist illusorisch. In der trostlosen menschlichen Welt des Verschwörungstheoretikers drängt die Gier nach Macht geringerwertige Motive zur Seite. Vorteilgewinn verrät Kontrolle: Wer aus einem Ereignis Gewinn zieht, muss es verursacht haben. Wenn man weiß, wer der Nutznießer ist, kennt man den Verschwörer. Es sind fast 30 Gruppen, denen vorgeworfen wird, eine Verschwörung zur Ermordung Präsident Kennedys organisiert zu haben. In allen Fällen ist die Grundlage für den Vorwurf ein angeblicher Vorteil, den die Gruppe aus seinem Ableben gewann.Keine Zufälle: Der Zufall spielt keinerlei Rolle. Was immer in der Gesellschaft geschieht, ist für den Verschwörungstheoretiker das Resultat direkten Planens von einigen wenigen, mächtigen Einzelpersonen oder Gruppen. Äußerer Anschein trügt: Für einen vernünftigen Menschen bedeutet ein Mangel ein Beweisen, dass es eben keine Verschwörung gibt. Für einen Verschwörungstheoretiker hingegen besteht der beste Beweis darin, dass es gar keinen Beweis gibt. Denn um erfolgreich zu sein, muss eine Verschwörung sich und ihre wahren Ziele tarnen und als Gegenteil dessen ausgeben, was sie in Wahrheit ist. (nach Daniel Pipes 1998) Literatur
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Dieser Artikel erschienen im "Skeptiker", Ausgabe 3/2000. |




















