Das Pendel Drucken E-Mail

Das Pendel als „magisches Gerät wird umfassend verwendet und ist seit langer Zeit es eines der beliebtesten Hilfsmittel im paranormalen Bereich. Antworten werden als „aus der jenseitigen Schwingungsebene kommend" interpretiert. Es wird z.B. eingesetzt, um Kontakt mit Geistern herzustellen, Krankheiten zu diagnostizieren, verschwundene Menschen, Tiere oder Gegenstände wiederzufinden, einen Blick in die Zukunft zu werfen, das Geschlecht eines ungeborenen Kindes festzustellen, passende Medikamente herauszufinden, den richtigen Partner zu wählen, Bodenschätze, „Wasseradern" zu entdecken, das passende Urlaubsziel oder die persönlichen Lottoglückszahlen zu erpendeln.

Erstaunlicherweise scheint es oft auch bei Laien sofort entsprechend zu funktionieren. Der Aufwand dabei ist denkbar gering, denn allgemein gesprochen ist ein Pendel eigentlich nur ein Gewicht, das frei an einem Faden aufgehängt wird und das unter dem Einfluss der Schwerkraft Schwingungen ausführt. Dazu ist eine Schraubenmutter nicht weniger geeignet als ein „beinahe fast echt goldenes Wahrsagerpendel" für 300 Euro aus dem Esoterikhandel.

Man kann bei diesem Gerät sehr gut die Funktionsweise hinterfragen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf andere Hilfsmittel und Verfahren übertragen. So sind die okkulten Praktiken des Gläserrückens und des automatischen Schreibens mit einer Planchette nur Abwandlungen bzw. Erweiterungen des Pendels, ebenso die weit verbreitete Technik des Wünschelrutengehens. Zwei Fragen stellen sich beim Pendeln:

1. Warum bewegt sich das Pendel überhaupt?

2. Warum bewegt es sich so „magisch"?

Zu 1) Ein an einem Stativ in Ruhe aufgehängtes Pendel bewegt sich nicht! Deshalb liegt es nahe, die Bewegungsursache beim haltenden Menschen selbst zu suchen. Schon 1640 wurde vom Jesuitenpater Athanasius Kircher vermutet, dass unwillkürliche Muskelbewegungen die Ursache für die Pendelbewegung sind. Tatsächlich wirken hier mehrere Punkte zusammen:

  • Ein absoluter „Ruhezustand" der Muskeln kann nicht erreicht werden. Die Muskelspannung besteht immer, was sich durch messbare elektrische Erregungsimpulse zeigen lässt. Außerdem tritt in derartigen Fällen immer eine Ermüdung ein, die zu unmerklichem Muskelzittern führt. Aufgrund des langen Hebelarms (Pendelschnur) führt eine winzige Bewegung dann sofort zu einem deutlich erkennbaren Schwingen. Absolut ruhig halten kann niemand ein Pendel, wie Aufnahmen mit Hochgeschwindigkeitskameras auch optisch eindeutig zeigen.
  • Wer zum ersten Mal ein Pendel in die Hand nimmt, wundert sich wahrscheinlich, dass die Schwingungen zunächst gering sind und dann immer stärker werden. Hier setzt eine Aufschaukelung ein, eine Resonanz. D.h. im jeweils gleichen Rhythmus kommt ein neuer Schwingungsanstoß hinzu.
  • Meist wird die Pendelschnur mehrmals um den haltenden Zeigefinger gewickelt oder zwischen den Fingerspitzen an einer Perle gehalten. Dabei kommen weitere, unmerkliche Bewegungsimpulse hinzu, weil sich selbstverständlich der Pulsschlag auch hier bemerkbar macht.
  • Welchen Einfluss die Atmung auf die Grob- und Feinmotorik hat, ist jedem Sportschützen bekannt. Beim Pendeln sind mehrere lange Hebelarme bei der Übertragung dieser rhythmischen Impulse beteiligt: Ober- und Unterarm und Pendelschnur.
  • Von der psychischen Seite kommt bei okkulten Praktiken die Erwartungshaltung, oft die Angst hinzu, die zu weiteren Verspannungen, zu Verkrampfungen und von daher zu verstärktem Muskelzittern führt.

Diese fünf Punkte erklären hinreichend, d.h. ohne Annahmen übernatürlicher Art, warum sich früher oder später das Pendel bewegen wird. Sie geben aber noch keine Antwort auf die „magische Seite", wenn etwa angeblich vermisste Personen durch Pendeln über Stadt- plänen gefunden, Antworten von Geistern aus dem Jenseits gegeben oder Zukunftsprognosen gestellt werden.

Zu 2) Grundlegend für viele okkulte Praktiken, bei denen sich etwas bewegt, sind unbewusste Muskelbewegungen. Man nennt dies in der Psychologie das „Gesetz der ideomotorischen Bewegungen" oder den „Carpenter-Effekt". Schon Aristoteles schrieb in de anima (III, 431b): „Auch außerhalb der Sinneswahrnehmung auf bloße Vorstellung hin tritt das Bewegungsvermögen in Tätigkeit." Der englische Arzt W.B. Carpenter (1813-1855) formulierte es so, wie es heute meist bekannt ist: „Jede Bewegungsvorstellung bewirkt bereits einen Antrieb zum Vollzug dieser Bewegung." Grundlegend für viele okkulte Praktiken, bei denen sich etwas bewegt, sind unbewusste Muskelbewegungen. Allein der Gedanke an eine Armbewegung lässt entsprechende Aktionsströme in der betreffenden Muskulatur fließen, natürlich unbemerkt vom Menschen. Dieser Effekt ist im Alltag überall zu beobachten, denn wir unterliegen ihm alle:

  • Beim Wort „Turm" gehen die Augäpfel messbar nach oben, weil wir uns einen Turm vorstellen.
  • Zur Beschreibung einer „Wendeltreppe" führt jeder eine entsprechende schraubenartige Bewegung durch.
  • „Hellseher" erkennen an den Augenbewegungen der Kunden, ob diese „ja" oder „nein" denken.
  • Intensives Denken an eine unbedingt zu vermeidende Handlung zieht genau diese nach sich.
  • Der Gang zur Notrufsäule an der Autobahn endet oft tödlich, weil Autofahrer dort auf den Anblick von Fußgängern häufig mit einer unbewussten Muskelbewegung reagieren und regelrecht auf die Gehenden zu lenken.
  • Fernsehzuschauer führen bei spannenden Sportsendungen oder Actionfilmen mehr oder weniger deutliche, dem Film entsprechende Bewegungen durch.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass allein die Vorstellung einer Bewegung zu ihrer erkennbaren Ausführung führt. Auf das Pendel übertragen heißt dies: Das Pendel macht die Bewegung, die man sich vorstellt. Soll es sich im Kreis bewegen, genügt es, sich dies vor- zustellen und das Pendel ruhig zu halten. Der Pendler hat dabei das - subjektiv richtige, aber objektiv falsche - Gefühl, „eigentlich überhaupt nichts zu tun". Auch bei der Antwort auf die Frage, weshalb ein Pendel angeblich Antworten aus dem Jenseits gibt, können also durchaus natürliche Faktoren herangezogen werden. Für eine paranormale Hypothese besteht keine Notwendig- keit. Wenn man die Antwort kennt, steuert der Pendler selbst die Bewegungen des Geräts, etwa über einem Ouijaboard (Kreis aus Buchstabenkärtchen).

Allerdings ist damit immer noch nicht erklärt, warum das Pendel angeblich auch „Antworten aus dem Jenseits geben kann, die dem Fragenden zu diesem Zeitpunkt selbst nicht bekannt sind". Hier kommt das „Unbewusste" ins Spiel. Vieles von dem, was wir im Leben erlebt haben, ist „gespeichert". Allerdings nicht so wie auf der Festplatte eines Computers, sondern oft genug verfälscht, verkürzt, in der Gewichtung verändert. Ab und zu erlebt jeder Mensch, dass etwas plötzlich „hochkommt", in das Bewusstsein zurückgeholt wird. Die Ursache dafür ist meist nicht direkt erkennbar, es kann ein Geruch sein, ein Gegenstand, ein anderer Mensch, eine ähnliche Situation. Parapsychologen sprechen von „Steigrohren des Unterbewusstseins", die vor allem bei leichter Trance eine Verbindung schaffen zwischen den verschiedenen Ebenen. Ohne dass es der Pendelnde merkt, gerät er in einen leichten (oder tieferen) anderen Bewusstseinszustand, in dem unbewusste Inhalte die Bewusstseinsschwelle erreichen und damit eine Pendelbewegung herbeiführen. Die Deutung dieses Vorgangs ist das Entscheidende: Kommt die Antwort aus mir selbst oder von einer jenseitigen Macht?

Beim Pendeln setzt ein unbewusstes Bewegen ein, das früher einmal Gewusstes, Verdrängtes, Befürchtetes, Erhofftes, „Vergessenes" und nicht bewusst Wahrgenom- menes zum Ausdruck bringt. Das heißt, dass sich der pendelnde Mensch die Bewegung unbewusst vorstellt, die sich dann tatsächlich aufgrund der Ideomotorik umsetzt. Allein die unbewusste Befürchtung beim Auspendeln des Todesdatums („Hoffentlich nicht die Jahreszahl 200x ...") bewirkt einen entsprechenden Ausschlag. Fatal dabei ist, dass Ängste anscheinend stärker wirken als positive Gedanken.

Der Mechanismus der Selbsterfüllenden Prophezeiung darf nicht unterschätzt werden und sollte eigentlich immer dann zur Sprache kommen, wenn es um die Gefahren esoterischer bzw. okkulter Praktiken geht: Man macht das wahr, was man (unbewusst) befürchtet oder erhofft! Selbstverständlich gibt es beim Pendeln auch richtige Antworten - einfach aufgrund des Zufalls.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das Pendel außer beim Spiritismus auch als Diagnoseinstrument im „alternativmedizinischen Bereich" verwendet wird. Die Stiftung Warentest schreibt dazu in ihrem Handbuch: Die Andere Medizin (S. 322) abschließend:

„Kritik: Die Bewegung des Pendels ist nicht von kosmischen Energien abhängig. Die Impulse stammen aus Muskelspannungsänderungen, die durch den Puls verursacht werden. Sie werden von unbewussten Vorstellungen des Pendlers gesteuert. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen ideomotorische Bewegung. Es gibt keine Dokumentation oder Nachweise über die Aussagekraft der Pendeldiagnose und keinen Nachweis über die behaupteten Erfolge der aus ihr abgeleiteten Therapien. Als Diagnosemethode und zur Testung von Medikamenten ist Pendeln nicht geeignet. Fehldiagnosen sind wahrscheinlich. Empfehlung: Von einer Diagnosestellung durch Pendeln ist abzuraten."

Wolfgang Hund

Literatur

  • Hund W (1996) Okkultismus: Materialien zur kritischen Auseinandersetzung. Verlag an der Ruhr: Mülheim
  • Hund W (1998) Das gibt's doch gar nicht. Okkultismus im Experiment. Verlag an der Ruhr: Mühleim
  • Hund W (2000) Falsche Geister - Echte Schwindler? Esoterik und Okkultismus kritisch hinterfragt. Echter: Würzburg
  • Stiftung Warentest (Hg.) (1996) Handbuch Die Andere Medizin. Stiftung Warentest: Berlin


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